Alarmierende Lücke an Fachkräften

Deutschland fehlen die Hände und Köpfe: Unternehmen finden immer schwerer geeignetes Personal. In Baden-Württemberg spitzt sich der Fachkräftemangel zu – mit Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit. Nun soll gegensteuert werden, doch der demografische Trend setzt klare Grenzen.
Die deutsche Wirtschaft boomt vielerorts, doch es fehlt an Fachkräften. Bereits jedes dritte Unternehmen in Baden-Württemberg betrachtet den Mangel an qualifiziertem Personal als akutes Geschäftsrisiko. Bundesweit können über 40 Prozent der Betriebe offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen. Vor allem in Bereichen wie Gesundheit und Pflege, den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sowie im Handwerk sind die Lücken groß.
Hauptursache ist der demografische Wandel. Seit 2019 geht das Angebot an Arbeitskräften zurück, da geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen und immer weniger junge Menschen nachrücken. Die Corona-Pandemie brachte nur kurzfristig Entlastung: 2020/21 gab es in manchen Bereichen sogar ein Überangebot, doch seit 2022 verschärft sich der Engpass wieder. Prognosen zufolge wird der deutschen Wirtschaft bis 2035 durchschnittlich jedes Jahr ein Defizit von mehreren hunderttausend Fachkräften drohen. Die Belegschaften werden zudem immer älter – in Baden-Württemberg steigt das Durchschnittsalter der Fachkräfte bis 2035 voraussichtlich auf knapp 49 Jahre.
Die Konsequenzen sind deutlich spürbar. In Schlüsselbranchen bleiben Stellen unbesetzt, Aufträge müssen abgelehnt werden, die verbleibenden Mitarbeiter geraten unter hohe Arbeitslast. „Wenn nicht genügend Fachkräfte gefunden werden, bleibt der heimischen Wirtschaft nichts anderes übrig, als einen größeren Teil ihrer Aktivitäten in Länder mit ausreichendem Fachkräfteangebot zu verlagern oder im internationalen Wettbewerb kürzer zu treten“, warnt die Industrie- und Handelskammer. Tatsächlich geben manche Firmen die Personalsuche frustriert auf. Laut einer aktuellen DIHK-Umfrage konnten 43 % der Unternehmen zuletzt offene Stellen nicht besetzen – ein Wert, der trotz leichtem Rückgang weiterhin als dramatisch gilt. Dieser Rückgang liege nicht etwa an Entwarnung, sondern an der schwachen Konjunktur, so die Analyse, da viele Betriebe mangels Hoffnung gar kein Personal mehr suchen.
Gegenmaßnahmen laufen an. Unternehmen werben verstärkt um Auszubildende, qualifizieren eigenes Personal weiter und versuchen, ältere Beschäftigte länger im Job zu halten. Die Politik hat ebenfalls reagiert: Die Bundesregierung reformierte 2023 das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, um mehr qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen. „Die Gesetzesreform soll es für qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland einfacher und attraktiver machen, eine Stelle in Deutschland anzunehmen“, heißt es aus Berlin. Neu eingeführt wurde eine Chancenkarte auf Basis eines Punktesystems – Kriterien sind u.a. Qualifikation, Berufserfahrung, Alter und Deutschkenntnisse. Auch Hürden bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse werden abgebaut.
Experten betonen jedoch, dass es einen ganzen Strauß an Lösungen braucht. Bildung und Ausbildung sollen gestärkt, Studienabbrüche verringert und das Potenzial von Frauen sowie Älteren besser genutzt werden. Eine flexiblere Handhabung des Renteneintrittsalters und der Ausbau der Kinderbetreuung könnten mehr Menschen eine längere Erwerbstätigkeit ermöglichen. Nicht zuletzt fordert die Wirtschaft schon länger eine echte “Willkommenskultur” für Fachkräfte aus aller Welt diese Maßnahmen brauchen jedoch Zeit, um zu wirken. Angesichts der Prognosen bleibt der Fachkräftemangel daher auf absehbare Zeit eine der größten Herausforderungen für Deutschlands Wirtschaft – und er fordert Politik wie Unternehmen gleichermaßen. Ein schnelles Wundermittel gibt es nicht. Doch ohne entschlossenes Gegensteuern drohen Wettbewerbsverluste und Innovationsbremsen im „Land der Ideen“.
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