Der sanfte Riese unter Druck – ZF Friedrichshafen im Krisenmodus

Der sanfte Riese unter Druck: ZF Friedrichshafen kämpft mit Stellenabbau, CEO-Wechsel und der schwierigen Transformation von Verbrenner- zu Elektrotechnologie. Bis 2030 fallen tausende Arbeitsplätze weg – die gesamte Region Bodensee-Oberschwaben spürt die Erschütterungen eines Konzerns im Umbruch.
Die Krise beim Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen erreicht eine neue Dimension. Bis zum Jahr 2030 sollen in der Division für elektrifizierte Antriebstechnologien rund 7.600 Arbeitsplätze wegfallen. Diese Stellenkürzungen sind Teil eines bereits im vergangenen Jahr angekündigten Stellenabbaus von bis zu 14.000 Positionen – vorwiegend in Deutschland. Für die Region Bodensee-Oberschwaben, die wirtschaftlich eng mit dem Traditionsunternehmen verbunden ist, bedeutet dies einen erheblichen Einschnitt.
Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland derzeit rund 50.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Weltweit waren es Mitte 2025 noch knapp 158.000 Beschäftigte – ein Rückgang um mehr als zwei Prozent gegenüber dem Jahresende 2024. Die Zahlen verdeutlichen, dass ZF bereits mitten im Transformationsprozess steckt. Die Belegschaft macht sich erhebliche Sorgen um ihre berufliche Zukunft, während das Management unter enormem Druck steht, das Unternehmen durch die Krise zu navigieren.
Im September 2025 kam es zu einem überraschenden Führungswechsel. Der Aufsichtsrat berief in einer kurzfristig einberufenen Sitzung den Vorstandsvorsitzenden Holger Klein sowie den Nutzfahrzeugvorstand Peter Laier ab. Neuer CEO wurde Mathias Miedreich, der zuvor bereits als Aufsichtsratsvorsitzender fungiert hatte. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist der 50-Jährige kein Unbekannter – dennoch steht er vor enormen Herausforderungen.
Die Probleme von ZF sind vielfältig und gehen weit über den allgemeinen Abschwung in der Automobilindustrie hinaus. Besonders die hohen Investitionen in neue Elektroantriebsachsen zahlen sich bislang nicht aus. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen entwickelt sich deutlich schwächer als erwartet, was sich unmittelbar auf die Auslastung der Werke auswirkt. Große Kunden wie BMW haben ihre Aufträge reduziert, etwa bei Getrieben für den US-Markt. Gleichzeitig bleiben die Entwicklungskosten für die neuen Technologien auf hohem Niveau.
Das Unternehmen rechnet für das laufende Jahr mit einem Konzernumsatz von über 40 Milliarden Euro. Doch die bereinigte EBIT-Marge wird voraussichtlich nur zwischen 3,0 und 4,0 Prozent liegen – ein Wert, der für einen Zulieferer dieser Größenordnung als problematisch gilt. Die Autokrise trifft ZF somit in einer Phase, in der das Unternehmen ohnehin massiv in neue Technologien investieren muss.
Die Vereinbarung mit dem Gesamtbetriebsrat und der IG Metall sieht vor, dass die Sparte für elektrifizierte Antriebstechnologien Teil des Konzerns bleibt. Zuvor hatte es Spekulationen über einen möglichen Verkauf oder eine Ausgliederung gegeben. Doch die Gewerkschaft setzte sich für den Erhalt der Division ein – wenn auch um den Preis erheblicher Stellenkürzungen. Das Unternehmen plant nun die Gründung mehrerer Standortverbunde mit schlankeren Strukturen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.
Für die Region Bodensee-Oberschwaben bedeutet die ZF-Krise weit mehr als nur den Verlust von Arbeitsplätzen beim Zulieferer selbst. Das Unternehmen ist ein wichtiger Auftraggeber für zahlreiche mittelständische Betriebe in der Region. Von der Metallverarbeitung über Dienstleister bis hin zu lokalen Gastronomiebetrieben – viele Branchen profitieren direkt oder indirekt von der wirtschaftlichen Stärke von ZF. Ein massiver Stellenabbau hätte daher Auswirkungen auf die gesamte regionale Wirtschaftsstruktur.
Die Herausforderung für das neue Management unter Miedreich liegt darin, den Spagat zwischen notwendigen Kostensenkungen und der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu meistern. Einerseits muss ZF kurzfristig profitabler werden, um die finanzielle Stabilität zu gewährleisten. Andererseits darf das Unternehmen den Anschluss bei Zukunftstechnologien nicht verlieren. Die Transformation vom klassischen Getriebehersteller zum Anbieter von Elektromobilitätslösungen und autonomen Fahrsystemen erfordert weiterhin erhebliche Investitionen.
Die Situation bei ZF steht exemplarisch für die gesamte deutsche Automobilzulieferindustrie. Viele Unternehmen kämpfen mit ähnlichen Problemen: Die traditionellen Geschäftsmodelle verlieren an Bedeutung, während die neuen Technologien noch nicht profitabel sind. Gleichzeitig verschärft sich der internationale Wettbewerb, insbesondere durch chinesische Anbieter, die mit günstigeren Preisen und teilweise auch innovativen Lösungen auf den Markt drängen.
Für die Beschäftigten in der Region bedeutet die Entwicklung bei ZF große Unsicherheit. Zwar gibt es Vereinbarungen mit den Sozialpartnern, die sozialverträgliche Lösungen vorsehen. Doch für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht die Frage im Raum, ob sie mittelfristig ihren Arbeitsplatz behalten können. Besonders betroffen sind die Bereiche, die sich mit klassischen Verbrennertechnologien befassen – hier ist der Rückgang der Nachfrage besonders deutlich spürbar.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob ZF den Turnaround schafft. Das Unternehmen verfügt über eine starke technologische Basis und hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch die Rahmenbedingungen sind extrem herausfordernd. Der neue CEO Miedreich muss schnell Erfolge vorweisen, um das Vertrauen von Belegschaft, Investoren und Kunden zurückzugewinnen. Die gesamte Region Bodensee-Oberschwaben hofft darauf, dass einem der wichtigsten Arbeitgeber die Transformation gelingt.
- KI-generiert